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Tsuur
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top
Tsuur (mongolisch ŃŃŃŃ), auch tsoor, cuur, coor, chor, chugur, ÄuÎłur, ist eine beidseitig offene LĂ€ngsflöte (Endkantenflöte) aus Holz mit drei Grifflöchern, die von mehreren mongolischen Volksgruppen im Gebiet des Altai im Westen der Mongolei gespielt wird. Die Altai-Urianchai nennen diesen Typ einer Hirtenflöte tsuur, die Tuwiner und Jakuten nennen sie schuur oder schoör und die Kirgisen tschoor (choor). Eine Ăbersetzung âKehl-Flöteâ dieser Aussprachevarianten bezieht sich auf die typische Spielpraxis, zur auf der Flöte geblasenen Melodie mit der Stimme einen tiefen gutturalen Brummton einzusingen. Typologisch verwandt in Form und Spielweise sind mehrere Flöten in Zentralasien, darunter die kasachische sybyzgy.
Weil nur noch wenige Hirten die schwierig zu spielende traditionelle Musik der tsuur praktizieren, wurde sie 2009 von der UNESCO in die Liste des dringend erhaltungsbedĂŒrftigen immateriellen Kulturerbes aufgenommen.cite-ref-1[1] FĂŒr die Hirten der Altai-Urianchai dient die tsuur zur Unterhaltung auf der Weide und als Musikinstrument mit magischen KrĂ€ften, das vor dem Beginn einer Jagd, bei Familienfeiern und bei jahreszeitlichen Zeremonien zur Abwehr von bösen Geistern gebraucht wird.
Contents
âą Wortumfeld
âą Bauform
âą Literatur
âą Diskografie
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
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Herkunft und Verbreitung
Der frĂŒheste Fund eines Blasinstruments in China ist eine in die Jungsteinzeit um 6000 v. Chr. datierte Vogelknochenflöte mit sieben Grifflöchern aus Jiahu im Kreis Wuyang. Weitere Knochenflöten mit meistens sieben Grifflöchern aus dem 5. Jahrtausend v. Chr., die zur Hemudu-Kultur gehörten, dienten vermutlich als Tierlockruf. Diese an beiden Enden offenen LĂ€ngsflöten wurden aus Geierknochencite-ref-2[2] gefertigt. Sie sind rund 20 Zentimeter lang bei einem Durchmesser von 1,1 Zentimetern.cite-ref-3[3] Diese Vogelknochenflöten, chinesisch gudi, sind die Ă€ltesten in China ausgegrabenen Musikinstrumente.
PrĂ€historische Knochenflöten wurden auch auf dem Gebiet der Mongolei gefunden, so etwa ein wenige Zentimeter langes BruchstĂŒck aus dem Uws-Nuur-Becken an der russischen Grenze.cite-ref-4[4] In der Banpo-Siedlung (Provinz Shaanxi) wurden aus Ton bestehende GefĂ€Ăflöten des 5. Jahrtausends v. Chr. ausgegraben. Sie sind die VorlĂ€ufer der heutigen xun in China.
Piktogrammen aus der spĂ€ten Shang-Dynastie (um 1200 v. Chr.) zufolge gab es in China yue genannte Panflöten. Ihre mutmaĂlichen UrsprĂŒnge sind die Panflöten der JĂ€ger und Fischer in Sibirien, etwa der jungsteinzeitlichen Kitoi-Kultur am Baikalsee. Dort fand man mit Kerben verzierte Vogelröhrenknochen, die nach unterschiedlichen Datierungen aus dem 4. Jahrtausend oder dem 3./2. Jahrtausend v. Chr. stammen.cite-ref-5[5] Kernspaltflöten mit Grifflöchern gehörten ebenfalls zu jungsteinzeitlichen JĂ€gern und Fischern der Kitoi-Kultur um den Baikalseecite-ref-6[6] und an der mittleren Lena in Jakutien.cite-ref-7[7]
Im 2. Jahrtausend v. Chr. gab es archĂ€ologischen Funden zufolge weiterhin GefĂ€Ăflöten, die fĂŒnf Grifflöcher hatten. In ĂŒberlieferten Orakelinschriften finden sich die Piktogramme fĂŒr Panflöte (yue), fĂŒr LĂ€ngsflöte (yan, ein Zeichen, das auch âsprechenâ bedeutet, spĂ€ter xian) und fĂŒr Mundorgel (he, heute sheng).cite-ref-8[8] Zur Zeit der Westlichen Zhou-Dynastie (11. Jahrhundert v. Chr. â 771 v. Chr.) tauchen in den schriftlichen Quellen mindestens 70 Namen von Musikinstrumenten auf, darunter mehrere LĂ€ngs- und Querflöten (Flöten allgemein guan, auĂerdem yue, xiao fĂŒr Panflöten und chi fĂŒr eine kurze Querflöte) sowie GefĂ€Ăflöten (xun).cite-ref-9[9] Querflöten (chi, heute dizi) aus der Zeit bis um 200 v. Chr. sind nur aus schriftlichen chinesischen Quellen bekannt.cite-ref-10[10] Daneben gab es auch eine LĂ€ngsflöte. Die genannten Flötentypen sind bis in die Gegenwart typische Hirteninstrumente.
Nach der Zeit der Streitenden Reiche (475â221 v. Chr.) traten VerĂ€nderungen bei zahlreichen Musikinstrumenten ein. So wurde wĂ€hrend der Han-Dynastie (207 v. Chr. â 220 n. Chr.) ein neuer kurzer Querflötentyp (hengdi, dizi) aus den westlichen LĂ€ndern (Zentralasien) eingefĂŒhrt, der sich von den Ă€lteren archĂ€ologischen Funden unterscheidet. Ebenso aus dem Westen ĂŒbernommen wurde eine lange Querflöte qiandi (âTanguten-Flöteâ) mit vier Grifflöchern, bei der im 1. Jahrhundert v. Chr. ein fĂŒnftes Griffloch ergĂ€nzt wurde.cite-ref-11[11] Im Verlauf des 1. Jahrtausends n. Chr. bestand die Gruppe der Blasinstrumente aus LĂ€ngsflöten, langen und kurzen Querflöten, Mundorgel, Doppelrohrblattinstrumenten (bili) und dem Schneckenhorn (bei).cite-ref-12[12]
Die Hofmusiker der mongolischen Yuan-Dynastie (Regierungszeit von Dschingis Khan ab 1206, bis 1368) verwendeten fĂŒr die sakrale Musik (yayue) neun Blasinstrumente: LĂ€ngsflöte (yue), kurze (chi) und lange Querflöte (di), Panflöte (xiao) und fĂŒnf unterschiedlich gestimmte Mundorgeln. Hinzu kamen sechs verschiedene Zithern (Wölbbrettzithern und die Griffbrettzither guqin), 22 Idiophontypen und zwölf Trommeltypen. Dieses Instrumentarium wurde fĂŒr die Unterhaltungsmusik noch um weitere Querflöten (longdi, mit trachenförmigem Trichter), LĂ€ngsflöten, Zupflauten und Streichinstrumente ergĂ€nzt.cite-ref-13[13]
Die Mongolen fĂŒhren ihre tsuur bis zu den Hunnen um die Zeitenwende zurĂŒck. Im kalmĂŒckisch-mongolischen Epos Dschanggar, das von EpensĂ€ngern (dschangarchi) seit Jahrhunderten mĂŒndlich ĂŒberliefert und solistisch vorgetragen wird,cite-ref-14[14] heiĂt es, dass die tsuur zusammen mit der in der höfischen und sakralen Musik verwendeten mongolischen Wölbbrettzither yatga gespielt werde. Der preuĂische Naturforscher Peter Simon Pallas (1741â1811) beschreibt in Sammlungen historischer Nachrichten ĂŒber die mongolischen Völkerschaften (Teil 1, 1776) detailliert eine LĂ€ngsflöte der KalmĂŒcken mit drei Grifflöchern.cite-ref-15[15]
Die westmongolische tsuur gehört zu einer Gruppe von beidseitig offenen LÀngsflöten, die in Zentralasien, Sibirien und Ostasien vorkommen. Die kirgisische tschoor besteht aus einer rund 55 Zentimeter langen Spielröhre aus Holz oder Rohr mit drei oder vier Grifflöchern.cite-ref-16[16] Sie entspricht praktisch der sybyzgy der Kasachen und Àhnelt der etwas lÀngeren kurai (quray) der Baschkiren.
Kaum bekannt ist die 60 Zentimeter lange kirgisische sarbasnai (möglicherweise von persisch sarbaz nai, âSoldatenflöteâ) aus einer Metallröhre mit fĂŒnf Fingerlöchern. Der Name wurde wohl in islamischer Zeit von der arabisch-persischen LĂ€ngsflöte nay ĂŒbernommen. Die turkmenische Hirtenflöte tĂŒidĂŒk aus Pflanzenrohr besitzt fĂŒnf Fingerlöcher und ein Daumenloch. Die bis nach Nordafghanistan verbreitete tĂŒidĂŒk, die kurai der Baschkiren, die sybyzgy der Kasachen, die tschoor der Kirgisen, die Rohrflöte ney haftband der Bachtiaren in Iran und andere Flöten dieses Typs werden mit einem eingesungenen Kehlkopfbordun gespielt.cite-ref-17[17] Eine weit verbreitete, lĂ€ngs geblasene Hirtenflöte ist die tĂŒrkische kaval mit fĂŒnf oder mehr Grifflöchern. Verwandt mit diesen offenen LĂ€ngsflöten, die allgemein ein hohes Alter haben, ist auch die in der pakistanischen Provinz Belutschistan gespielte narh aus einem Pflanzenrohr mit vier Grifflöchern, die ebenfalls mit einem eingesungenen Bordun gespielt wird.cite-ref-18[18]
Unter der sozialistischen Kulturpolitik der Mongolischen Volksrepublik in den 1920er und 1930er Jahren wurde die Musik ihrer zeremoniellen Bedeutung fĂŒr die Familien in der nomadischen Kultur beraubt, stattdessen wurden ânationaleâ Musikinstrumente propagiert und in eine westliche AuffĂŒhrungspraxis eingebunden.cite-ref-19[19] Ziel war â wie auch in den neu gegrĂŒndeten Sowjetrepubliken, die nationale IdentitĂ€t der jungen sozialistischen Gesellschaft zu fördern. HierfĂŒr wurden groĂe Volksmusikensembles fĂŒr eine nach westlichen Vorbildern arrangierte Volksmusik gegrĂŒndet, zu denen die limbe als einziges Blasinstrument, aber nicht die tsuur gehörte. Damit verschwand die tsuur praktisch aus dem Musikleben. In den 1970er Jahren wurde in der unter sowjetischer Vorherrschaft stehenden Mongolei der Begriff yazguur (âAuthentizitĂ€tâ, âOriginalitĂ€tâ) geprĂ€gt, mit dem die kulturelle EigenstĂ€ndigkeit betont werden sollte. Unter dieser PrĂ€misse entfernte sich die offizielle Musikkultur in den 1970er und 1980er Jahren von der bis dahin hauptsĂ€chlich gewĂŒrdigten europĂ€isch-russisch-klassischen Musik (songodog) und wandte sich etwas stĂ€rker der âVolkskunstâ (ardyn urlag) zu. Dazu zĂ€hlten das âlange Liedâ (urtin duu) und der Kehlgesang (höömii), letzterer auch mit der tsuur.cite-ref-20[20] Dies fĂŒhrte zu einer Wiederbelebung ethnischer Musikstile Ende des 20. Jahrhunderts. Mit dem Zerfall der Sowjetunion ab 1990 begann in der Mongolei eine Phase der Demokratisierung und der RĂŒckbesinnung auf nomadische Traditionen, die nun den Status nationaler KulturgĂŒter erhielten.cite-ref-21[21]
Wortumfeld
Dieser Flötentyp ist mit meist drei Grifflöchern und derselben Spielweise im Bereich des Altaigebirges im Westen der Mongolei bei den Tuwinern und Jakuten unter dem Namen tsuur oder schuur (shöör) bekannt. Modon tsuur (âHolz-Flöteâ) grenzt die Flöte von anderen Wortbedeutungen ab. Vereinzelt ist die tsuur auch in der Inneren Mongolei als modon huur und in der uigurischen autonomen Region Xinjiang als chor vertreten. Abgesehen von uneinheitlichen Lateinumschriften kommt mongolisch tsuur mit unterschiedlichen Aussprachevarianten in mehreren zentralasiatischen Turksprachen vor. EpenerzĂ€hler machen sich diese dialektalen Ausspracheunterschiede zunutze, um damit die ethnische Herkunft ihrer Figuren auszudrĂŒcken.cite-ref-22[22]
Aus der klassischen mongolischen Schrift von Texten des 14. Jahrhunderts wird der Name der Flöte als chogur (chugur, auch ÄoÎłur, ÄaÎłur, jaÎłur, jahur) transkribiert. Erstmals erwĂ€hnt wird chogur im Zhi-yuan yi-yu, einem der Ă€ltesten mongolisch-chinesischen WörterbĂŒcher von 1280 als âFlöteâ, chinesisch di. G. Kara (1990) verweist auf eine weitere Wortbedeutung: mongolisch morin chuur, entsprechend chinesisch matouqin (mongolische Pferdekopfgeige) und kalmĂŒckisch coor, cuur, âeine Art Flöteâ.cite-ref-23[23] Zum Bedeutungsumfeld gehören nach Gustav John Ramstedt (KalmĂŒckisches Wörterbuch, 1935) tsĆ«r (cĆ«r), âBlasrohr (ein Instrument, womit man durch den After in den Magen einer kranken Kuh blasen kann)â, hierzu auch âmit einer Röhre durch Einblasen ein krankes Tier heilenâ oder âwiehern, auf einer Flöte spielen, wie eine Flöte klingenâ.cite-ref-24[24]
Im Rasuliden-Hexaglott, einem wĂ€hrend der Dynastie der Rasuliden im 14. Jahrhundert im Jemen verfassten Wörterbuch, das einen Wortschatz von Arabisch und den Ăbersetzungen in fĂŒnf weitere Sprachen enthĂ€lt,cite-ref-25[25] wird chogur mit mongolisch chuwur (âeine Art Rohrflöteâ) und kiptschakisch tĂŒtĂŒk (entsprechend tĂŒidĂŒk) gleichgesetzt. In der im 17. Jahrhundert verfassten anonymen mongolischen Chronik Altan Tobtschi (âgoldene Zusammenfassungâ) ist chogur eine âTrompeteâ. Im Erdeniin Tobtschi (âKostbare Zusammenfassungâ), einer vom mongolischen Geschichtsschreiber Saghang Sechen 1662 verfassten Chronik entspricht die chogur der chinesischen âFlöte chiâ und im Qin ding huang yu Xiyu tu zhi, einer uighurischen Abhandlung in chinesischer Schrift von 1756â1782, wird cur (cuÎłur) mit chinesisch chi fĂŒr âeine Bambusflöte mit ĂŒblicherweise vier Grifflöchernâ gleichgesetzt.cite-ref-26[26]
Dass vom Wort tsuur fĂŒr Flöten auch eine Verbindung zur Bezeichnung von mehreren Saiteninstrumenten besteht, macht der osmanische Reiseschriftsteller Evliya Ăelebi Ende des 17. Jahrhunderts in seinem Werk SeyahatnĂąme deutlich. Darin erwĂ€hnt er den osmanischen Namen chĆ«gĆ«r fĂŒr eine fĂŒnfsaitige Laute (âpandoraâ) der Janitscharen.cite-ref-27[27] Entsprechend bezeichnet chugur im mongolischen Dialekt Chahar die LĂ€ngsflöte, die Pferdekopfgeige und einen tiefen Bordunton.cite-ref-28[28] Die Pferdekopfgeige (mongolisch morin chuur) heiĂt mit vollstĂ€ndigem Namen morin-u toloÎłai tai quÎłur (moriny tolgoitoi huur, âGeige mit einem Pferdekopfâ). Wie die Flöte tsuur ist die zweisaitige Zupflaute topschuur mit Pferdekopf im Westen der Mongolei verbreitet: im KalmĂŒckischen Wörterbuch towĆĄĆ«r, mit dombra gleichgesetzt, âeine dreisaitige Mandolineâ. KalmĂŒckisch ÏĆ«r (chuur) steht dort fĂŒr allgemein âSaiteninstrument, Geige, Fiedel (vgl. dombr, jatÎłan)â,cite-ref-29[29] wobei chuur (quÎłur) mehrfach mit âStreichinstrumentâ ĂŒbersetzt wird. ΧƫrÄr nÄd heiĂt âauf dem Sateninstrument Ïur spielenâ.cite-ref-30[30] Chuur (huur, khuur) bezeichnet auĂerdem Maultrommeln (aman-chuur, âMund-Saiteninstrumentâ).cite-ref-31[31]
Gemeinsamer Nenner des Wortumfelds tsuur in der Musik fĂŒr eine Flöte, den mit dieser Flöte verbundenen gutturalen Gesang und fĂŒr ĂŒblicherweise zweisaitige Saiteninstrumente ist, dass jeweils zwei (oder mehr) parallele KlĂ€nge in unterschiedlichen Tonhöhen entstehen. Vergleichbar mit der Kombination aus Gesangsstimme und Flötenspiel produziert der Musiker auf den Saiteninstrumenten einen tiefen Bordun auf einer Saite und eine höher klingende Melodie auf der anderen Saite. Tsuur kann auĂerdem einen Gesangsstil des âlangen Liedesâ bezeichnen, bei dem mehrere SĂ€nger gemeinsam singen. Im Gebiet Xilin Gol in der Inneren Mongolei heiĂt dieser Gesangsstil tsuuriin duu (âtsuur-Liedâ) und bei den Chalcha in der zentralen Mongolei aizam. Hierbei trĂ€gt ein VorsĂ€nger den Haupttext des urtin duu vor und die anderen SĂ€nger stimmen in den Refrain (turleg) ein.cite-ref-32[32] Zweistimmige Harmonien sind das wesentliche Merkmal der mongolischen Gesangsstile.cite-ref-33[33]
Bauform
Die tsuur wird von den Musikern selbst hergestellt, indem sie einen geraden LĂ€rchen- oder Weidenzweig lĂ€ngs in zwei HĂ€lften spalten und in jeder HĂ€lfte eine Rinne aushöhlen. Danach werden die HĂ€lften mit einem Streifen Ziegendarm oder mit einem schrĂ€g gewickelten Faden zusammengebunden und in einen nassen Tierdarm gesteckt. Beim Trocknen zieht sich dieser zusammen und verschlieĂt die Röhre an ihren VerbindungsflĂ€chen luftdicht. Beide Rohrenden sind gerade abgeschnitten und offen, die Kanten am Anblasende sind an der AuĂenseite bis zu einem dĂŒnnen Rand abgeschrĂ€gt. Die LĂ€nge der Spielröhre und die Position der drei Grifflöcher (nĂŒh) wird mit den HĂ€nden festgelegt und ist bei den LĂ€ngsflöten der Tuwiner, Altai-Urianchai und bei der sybyzgy der Kasachen ungefĂ€hr gleich. Sie sollte drei töö (Entfernung zwischen ausgestrecktem Daumen und Mittelfinger, 19â20 Zentimeter) plus vier Fingerbreit betragen. Dies ergibt eine LĂ€nge von 55â70 Zentimetern. Der Durchmesser des sich nach unten verjĂŒngenden Flötenrohrs betrĂ€gt 10 bis 25 Millimeter.cite-ref-34[34] Das unterste Griffloch ist rund 8 Zentimeter (vier Fingerbreit) vom unteren Ende entfernt, der Abstand zum mittleren Griffloch betrĂ€gt 6,2 Zentimeter (drei Fingerbreit) und von diesem zum oberen Griffloch bei den Tuwinern und Altai-Urianchai 8 Zentimeter (vier Fingerbreit), wĂ€hrend bei den Kasachen dieser Abstand nur zwei Fingerbreit betrĂ€gt. Ein 55,5 Zentimeter langes Exemplar hat einen AuĂendurchmesser von 21 Millimetern am oberen Ende (19 Millimeter am abgeschrĂ€gten Rand) und 14 Millimeter am unteren Ende.cite-ref-35[35] Die in der Mongolei gespielten tsuur haben stets drei Grifflöcher, wĂ€hrend bei der kasachischen LĂ€ngsflöte manchmal ein viertes Griffloch hinzugefĂŒgt wird.
Vor dem Einsatz feuchten die Spieler der Altai-Urianchai die Flöte innen an, indem sie die Röhre in eine SchĂŒssel mit Wasser tauchen und mehrmals Wasser einsaugen. Sollten Risse im trockenen Holz vorhanden sein, werden sie im feuchten aufgequollenen Zustand verschlossen. Der Musiker hĂ€lt die Flöte mit dem Anblasende gegen die ZĂ€hne und seitwĂ€rts schrĂ€g nach unten. Die genaue Position ist zwischen dem mittleren oberen Schneidezahn und dem Zahn links daneben. Dabei werden die Lippen an der linken Seite um das Flötenende herum geschlossen. Das angeschrĂ€gte obere Ende erleichtert es, die Flöte in derselben Position fest gegen die ZĂ€hne zu halten. Wie genau die Flöte gehalten wird, ihre LĂ€nge und Tonumfang unterscheiden sich bei den einzelnen Volksgruppen.cite-ref-36[36] Die dĂŒnnwandige tsuur ist fragil und bei BeschĂ€digung kaum zu reparieren.
Spielweise und kulturelle Bedeutung
HauptsĂ€chlich die Altai-Urianchai im Westen der Mongolei, ferner Tuwiner, Kasachen und im Westen lebende Chalcha verwenden die tsuur, um einen eingesungen tiefen gutturalen Bordunton (höömii) zu verstĂ€rken und zugleich eine hoch klingende Melodie auf der Flöte zu blasen. Der Spieler benötigt zusĂ€tzlich zum Kehlgesangston, den er mit angespannten Kehlkopfmuskeln (hooloi ih schahna) und der Zunge produziert, einen stetigen Blasdruck, der beim höömii ohne Flöte nicht erforderlich ist. Die Luft wird bei der tsuur (anders als bei der mit Zirkularatmung gespielten limbe) durch den Mund eingesaugt und eine gespielte Tonfolge dauert so lange, bis die Luft ausgeatmet ist. Sehr geĂŒbte Musiker können ĂŒber eine Minute ununterbrochen singen und spielen. Ăblicherweise dauert eine melodische Phrase, die durch das Einatmen von der nĂ€chsten getrennt ist, zwischen 16 und 23 Sekunden.cite-ref-37[37] Das schwierige Spiel der tsuur erlernen die Jungen wie andere Musikinstrumente im Alltag, indem sie Erwachsene beobachten und nachahmen.cite-ref-38[38]
Eine einheitliche Grifftechnik gibt es nicht. Einige Musiker verschlieĂen das obere Griffloch mit dem Zeigefinger der linken Hand, wĂ€hrend Mittelfinger und Ringfingen an der Oberseite, Daumen und kleiner Finger an der Unterseite der Röhre liegen. Das mittlere Griffloch wird mit dem Daumen der rechten Hand und das untere Griffloch mit dem gekrĂŒmmten Zeigefinger der rechten Hand verschlossen. Die HĂ€nde lassen sich auch vertauschen und der Zeigefinger und der Ringfinger können die unteren beiden Grifflöcher verschlieĂen. Da die Flöten aus unterschiedlichem Material bestehen und verschieden lang sind, muss die Blastechnik bei jedem neuen Instrument entsprechend angepasst werden. Wegen der anstrengenden Spielweise wird der tsuur ein negativer Effekt auf die Gesundheit von Frauen, besonders im gebĂ€rfĂ€higen Alter zugesprochen, weshalb allenfalls junge Frauen tsuur spielen.cite-ref-39[39] Ansonsten dĂŒrfen nach mongolischer Tradition praktisch alle Musikinstrumente (mit Ausnahme der Maultrommel aman chuur) nur von MĂ€nnern gespielt werden, wie auch nur MĂ€nner höömii singen dĂŒrfen.cite-ref-40[40]
Der zur höömii-Gesangstradition gehörende Stil der Tuwiner ist deutlich tiefer als der mongolische Obertongesang. Beim höömii werden mehrere regionale Stile unterschieden einschlieĂlich dem uyangiin isgeree (âmelodische Pfeifeâ), bei dem der SĂ€nger tief einatmet und mit dem Luftdruck im Rachen eine Melodie mit hohen Pfeiftönen mehrere Oktaven ĂŒber dem Grundton erzeugt. Die ostmongolischen Chalcha pflegen mehrere höömii-Stile, die sich von denen der Tuwiner und Kasachen im Westen unterscheiden. Versuche, die Gesangsstile einzuteilen, wurden erst seit der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts unternommen.
Traditionell gibt es â bei den Chalcha â vier hauptsĂ€chliche mongolische Gesangs-/Musikstile, die ax dĂŒĂŒ (vier âGeschwisterâ) genannt werden: höömii (Obertongesang), tuul (epische ErzĂ€hlung), urtin duu (âlange Liederâ) und das Spiel der morin chuur (Pferdekopfgeige). FĂŒr die Volksgruppen in der westlichen Mongolei â Tuwiner, Altai-Urianchai und Kasachen â kommt noch das Spiel der tsuur hinzu. Die Chalcha begleiten die âlangen Liederâ, die keine gutturalen GesĂ€nge sind, mit der morin chuur oder manchmal mit der Querflöte limbe, wĂ€hrend die tsuur speziell fĂŒr einen gutturalen Gesangsstil verwendet wird. Daneben besteht noch eine Verbindung zur Maultrommel aman chuur, deren Spiel als charchira höömii, also als tiefer gutturaler Gesangsstil bezeichnet wird.
Ăber Ă€hnliche Klangeigenschaften hinaus werden diese kulturellen âGeschwisterâ durch die Vorstellung zusammengehalten, dass ihre UrsprĂŒnge mit der Natur (baigal) und der Umwelt (orchin axui) verbunden sind. In der Weltanschauung mongolischer Nomaden erscheint die Natur als zu verehrende Mutter und der Himmel als Vater. Einer mythischen ErzĂ€hlung in der westlichen Mongolei zufolge gilt der Fluss Eev, dem magische FĂ€higkeiten zugesprochen werden, als der Ursprung des höömii-Gesangs. Der Fluss Eev steht fĂŒr die âalte Zeitâ, bevor die Oiraten (westmongolische StĂ€mme) sich in diesem Gebiet östlich des Altaigebirges niederlieĂen. Die Lage dieses mythischen Flusses ist unklar. Den ErzĂ€hlungen nach hat das Rauschen des Flusses Eev eine magische Wirkung. Wenn Tiere vom Wasser trinken, sollen sie verhext werden und in den Fluss stĂŒrzen. Vom Fluss angezogene Menschen werden verzaubert und entwickeln sich zu begnadeten SĂ€ngern von schöner Gestalt.cite-ref-41[41] Ein Lied ĂŒber den Fluss Eev (eeviin golyn ursgal) kann entweder als höömii oder mit der tsuur vorgetragen werden. Auf der tsuur gespielte traditionelle Melodien (tatlaga) sollen generell den Klang von Wasser, Tierschreien und Vogelrufen nachahmen, etwa den Ruf des Birkhuhns. Tierimitationen sind heute von schamanischen Vorstellungen losgelöst.cite-ref-42[42] Die in solchen Erscheinungsformen wahrgenommene Natur wĂŒrdigen die Nomaden als ihre Existenzgrundlage. Bei mit dem Jahreszyklus verbundenen Ritualen ist es daher von besonderer Bedeutung, die genau hierfĂŒr geeigneten Lieder zu spielen. Tsuur-Spieler sind sich dabei der magischen Kraft ihres Musikinstruments so bewusst wie etwa die Spieler der morin chuur.cite-ref-43[43]
In einer Beziehung zum höömii-Gesang steht auch die Angabe im Dschangar-Epos, das ab dem 15. Jahrhundert kompiliert wurde, die tsuur habe die Stimme eines Schwans. Im 18. Jahrhundert soll eine solche Flöte aus den Knochen eines Lamms ebendieses Tier wieder zum Leben erweckt haben.cite-ref-44[44]
Fast alle Lieder basieren auf einer pentatonischen Skala. Zu den innerhalb des höömii-Stils unterschiedenen gesangstechnischen Varianten gehört neben dem charchira höömii eine weitere tiefere Gesangstechnik mit noch gepressterer Stimme, die wĂ€hrend des Flötenspiels angewandt wird. An deren Stelle kann auch der schingen-Stil (âflĂŒssige Stimmeâ) in einer etwas höheren Tonlage praktiziert werden. Theoretisch könnte die tsuur auch ohne Gesangsstimme geblasen werden, was aber unter mongolischen Spielern so gut wie nicht vorkommt, wie auch nur Mongolen, die bereits den gutturalen Gesang beherrschen, das Spiel der tsuur erlernen. Als geeignete EinĂŒbung in das Flötenspiel gilt das isgeree (âmelodische Pfeifenâ),cite-ref-45[45] eine Art höömii, bei dem die Lippen wie beim Flötenansatz geformt werden.cite-ref-46[46]
Ihrer magischen Bedeutung wegen erhĂ€lt die tsuur, die beim Reiten in der Natur am GĂŒrtel oder in einer Tasche getragencite-ref-47[47] oder am Schwanz des Pferdes festgebunden wird,cite-ref-48[48] zu Hause angekommen einen geschĂŒtzten Ehrenplatz hinter einem Pfosten im nördlichen Bereich der Jurte. FrĂŒher galt die tsuur als sakraler Gegenstand, weil sie geeignet schien, bei wichtigen Zeremonien böse Geister fernzuhalten. Eine Ă€hnliche Funktion soll die beispielsweise bei Hochzeiten, bei der Zeremonie des ersten Haarschnitts und vor Antritt einer Reise gespielte tsuur haben.cite-ref-49[49]
Der Ende des 20. Jahrhunderts wohl bedeutendste, in der Fachliteratur hĂ€ufig erwĂ€hnte tsuur-Spieler war der Hirte P. Narantsogt (1920â2003), ein Altai-Urianchai aus dem Distrikt Duut im westmongolischen Chowd-Aimag, dessen Flötenspiel in seiner Familie sechs Generationen zurĂŒckreicht.cite-ref-50[50] Narantsogt gab die Flötenspieltradition an drei seiner Kinder weiter: an zwei Söhne und die 1958 geborene Ă€lteste Tochter, die als erste Frau in dieser Familie das tsuur-Spiel erlernte und Agraringenieurin wurde. Sein Sohn Gombojav tritt professionell als tsuur-Spieler auch auf internationalen BĂŒhnen auf.cite-ref-51[51] Ein anderer tsuur-Spieler im Chowd-Aimag, der professionell auftrat,cite-ref-52[52] war Nanjid Sengedorj (1948â2020).cite-ref-53[53] In der 2000 gegrĂŒndeten, aus neun Mitgliedern bestehenden mongolischen Volksmusikgruppe Anda Union spielt der Musiker Chinggel gelegentlich tsuur.cite-ref-54[54]
Literatur
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âą Alain Desjacques: FlĂ»tes mongoles. In: TraversiĂšres Magazine, Nr. 92, 2008, S. 19â26
âą F. M. Karomatov, V. A. MeĆĄkeris, T. S. Vyzgo: Mittelasien. (Werner Bachmann (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band II: Musik des Altertums. Lieferung 9) Deutscher Verlag fĂŒr Musik, Leipzig 1987
âą Carole Pegg: The Revival of Ethnic and Cultural Identity in West Mongolia: The Altai Uriangkhai Tsuur, Tuvan Shuur and Kazakh Sybyzgy. In: Journal of the Anglo-Mongolian Society, Band 12, 1991, S. 71â84
âą Carole Pegg: Mongolian Music, Dance, & Oral Narrative: Performing Diverse Identities. University of Washington Press, Washington 2001
âą Carole Pegg: Tsuur. In: Grove Music Online, 2001
Diskografie
⹠Jargalant Altai. Xöömii and other vocal and instrumental music from Mongolia. Ethnic Series, PAN 2050CD. PAN Records, 1996, Narantsogt: tsuur, Titel 22, 23, aufgenommen 1983 (Beiheft)
Weblinks
Commons
: Tsuur
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Tengerton (Mongolia) at FĂžrdefestival â FĂžrdefestivalen 07/07/2023. Youtube-Video. Streichquartett Tengerton mit moderner mongolischer Musik: drei morin chuur (Pferdekopfgeigen), ih chuur (Bassgeige), tsuur, charchira höömii (gutturaler Gesang)
âą Tsuur. Mongoliam Music. Youtube-Video
âą Mongolian traditional musical instrument tsuur â Altai mountain praise. Youtube-Video
Einzelnachweise
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cite-note-99. â Martin Gimm: China. III. Westliche Zhou-Dynastie (11. Jahrhundert bis 771 v. Chr.). 3. Musikinstrumente und Tonsysteme. In: MGG Online, Juli 2018
cite-note-1010. â Martin Gimm: China. I. Vor- und FrĂŒhgeschichte (bis 21. Jahrhundert v. Chr.) 3. Musikinstrumente. In: MGG Online, Juli 2018
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cite-note-3838. â Carole Pegg, 2001, S. 85
cite-note-3939. â Otgonbayar Chuluunbaatar, 2013, S. 101f
cite-note-4040. â Carole Pegg: Mongol music. II. Traditional music and dance. 1. Vocal musics. In: Grove Music Online, 2001
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cite-note-4343. â Otgonbayar Chuluunbaatar, 2013, S. 104f
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cite-note-4545. â Isgeree Throat Singing (Whistled Khoomei). Youtube-Video
cite-note-4646. â Otgonbayar Chuluunbaatar, 2013, S. 103
cite-note-4747. â Alain Desjacques, 2008, S. 20
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cite-note-5353. â Mongolian traditional musical instrument tsuur, Sengedorj. Youtube-Video
cite-note-5454. â Anda Union. andaunion.com